Alles andere als ein bitterer Abschied.
Da ist der nun – der letzte Tag. Mit ganz gemischten Gefühlen betrete ich kurz vor 12 Uhr das Restaurant. Ich bin mit dem Chefkoch zum Mittagessen verabredet. Wir wollen uns ein neues kleines Restaurant in der Nähe anschauen, das kürzlich erst von einem jungen Paar eröffnet wurde. Konkurrenzbeobachtung gepaart mit Neugier und Genusslust. Eine sehr angenehme Motivationskombination. Nach einmal Speisekarte rauf und auch wieder runter sitzen wir zwei Stunden später wieder im Auto und fahren zurück. Manöverkritik. Ich merke, wie sensibel mich zwei Wochen Profiküche gemacht haben. Plötzlich sehe ich beispielsweise naive Pinselmalerei und blasse Schäumchen auf Tellern noch viel kritischer als vorher. Insbesondere dann, wenn sie geschmacklich nichts zum Genuss beitragen. Wir sind uns in unserem Urteil ziemlich einig. Gut gekocht. Nicht sehr gut. Netter Laden. Nicht außergewöhnlich. Aber ein tolles charmantes Paar mit viel Leidenschaft und Engagement. Viel Glück an dieser Stelle.
Um 14 Uhr sind wir zurück im Restaurant. Schichtbeginn. Heute stehen für mich noch einmal Desserts auf dem Programm. Viele Desserts. Und damit abertausende Kalorien, die ich lecker verpacken darf. Die Eier-Zucker-Butter-Sahne-Schlacht beginnt mit einem Grand Marnier-Parfait. Die Küchenmaschinen arbeiten mit Hochdruck. Diverse Schneebesen werden geschwungen. Und der zum starken Faden gekochte Zucker wird sensibel untergerührt. Über allem liegt ein feiner Duft von Bitterorange. Lecker. Wir machen die doppelte Portion. Schließlich müssen fünfundachtzig der berühmten kleinen Weck-Gläschen gefüllt werden. Es passt genau.
Nach dem alkoholisierten Halbgefrorenen folgt der Klassiker: außen hart und innen weich. Bestandteile: Eier, Zucker, Kuvertüre, Butter und Mehl. Voilà – das Schokoküchlein. Auch hiervon werden es wieder fünfundachtzig kleine Einmachbehältnisse. Kleine Gläschen, damit das Gewissen beim süßen Menüabschluss zu allzu schlecht ist. Wird im Übrigen bei der Fertigstellung ja auch noch ausdekoriert mit etwas Frucht. Psychologisch ganz wichtig. Dann gesellt sich zu den tiefbraun ummantelten Kalorien auch eine ordentliche Ladung Vitamine. Und die sind schließlich gesund.
Aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei. Und so beschäftigen wir uns nach Parfait und Kuchen noch mit einer Creme. Heute wird es Passionsfruchtcreme. Ich lerne, dass die Grundmasse einer aromatisierten Creme in aller Regel die der Bayerisch Creme ist. Die kann ich. Ich mache mich an die Arbeit. Sahne schlagen, Vanillestange auskratzen, Zucker bereitstellen, Butter abwiegen, Gelatine einweichen und eine Mischung aus Passionsfruchtmousse und Orangensaft aufgießen. Eine Mischung deshalb, da sonst der Geschmack der Passionsfrucht zu intensiv werden würde. Wieder was gelernt. Am Ende hat die Creme eine wunderschöne Farbe und eine tolle Konsistenz. Aber viel wichtiger, sie schmeckt fantastisch. Ab in den Spritzbeutel und hinein in die Gläschen.
Dann beginnt der Abendservice. Es ist ein entspannter Abend mit einer überschaubaren Anzahl an Gästen. Kein großer Stress, keine Hektik und keine Katastrophen. Ich fühle mich sicher, aber auch sehr wohl mit dem, was ich tue. Das Procedere nach dem Annoncieren eines neuen Bons ist mir nach zwei Wochen weitgehend vertraut, die Abläufe nahezu in Fleisch und Blut übergangen. Jetzt macht es richtig viel Spaß. Und jetzt gehe ich. Gehen soll man schließlich, wenn es am schönsten ist. Das ist es.
Zusammen mit dem Chefkoch trinke ich noch ein Glas Wein. Wir lassen die letzten zwei Wochen noch einmal Revue passieren. Er bescheinigt mir Talent und ein „Händchen“ – ein Kompliment, über das ich mich sehr freue. Es war eine tolle Zeit, die ich nie vergessen werde.
Ein letztes Mal gehe ich durch den Personaleingang nach draußen. Das nächste Mal komme ich wieder als Gast. Den Blick in die Küche werde ich mir aber nicht nehmen lassen.