(10) Dessert Kopie

Mein Praktikum in einer Profiküche – Tag 10

14 Stunden und kein bisschen müde. Naja – fast.

Frühschicht 8 Uhr. In drei Stunden wollen knapp siebzige Gäste nicht nur das Jubelpaar bejubeln, sondern auch kulinarisch verwöhnt werden. Trotz der guten Vorbereitung der letzten Tage gibt es noch viel Arbeit. Kurze Lagebesprechung mit der Morgencrew und jeder weiß, was er zu tun hat.

Meine Aufgabe zum Warmlaufen findet an der Aufschnittmaschine statt. Geräucherte Entenbrust am Stück muss für die Vorspeise in dünne Scheiben geschnitten werden. Pro Teller fünf Scheiben. Die Tücke hierbei besteht jetzt nicht etwa darin, die Anzahl der Gäste mit dem Faktor fünf zu multiplizieren, nein, die Herausforderung liegt im Überblick behalten, wie viele Scheiben man schon geschnitten hat. Es ist nämlich so, dass eine Entebrust einen schmalen Anfang, ein recht dickes Mittelstück und dann wieder ein durchaus schmales Ende hat, so dass die Anzahl der auf Schinkentrennfolie drapierten Scheiben durchaus von Lage zu Lage variiert. Da hilft nur eines. Anzahl pro Durchgang notieren, gelegentlich addieren und sich dem Zielwert langsam nähern. Geschafft.

Parallel sind schon die Teller für die Entenbrustgrundlage, einem Salatarrangement, in sechs Reihen links und recht entlang des langen Küchenflures aufgebaut. Ich gebe sechs Tupfer Quittenchutney jeweils neben drei Kirschtomatenhälften, die wiederum getrennt sind durch je ein Chicoreeblatt. Vollendet wird das Werk dann später mit einer Handvoll mittig und luftig platziertem Feldssalat, der wiederum gekrönt wird von der Entebrust und den letzten Schliff dann noch von karamellisierten Maronen erhält.

Bevor es soweit ist und der Salat die nicht wirklich große Reise von der Küche in den Festsaal antritt, müssen erst noch Etageren bestückt werden. Die sollen nach dem Eintreffen der Gäste recht zügig auf die Tische. Schließlich trinkt sich der Jubelschaumwein um die Mittagszeit mit einer kleinen Grundlage umso besser. Canapés mit hausgebeiztem Graved Lachs, Datteln im Speckmäntelchen und Quiche Lorraine sind da schon mal ein guter Anfang.

Dann ist es soweit. Der Saal füllt sich. Die Etageren verlassen die Küche und das Häppchenpotpourri geht seiner Bestimmung nach. Prost. Für uns der Zeitpunkt, die Salate zu vollenden, um sich dann umgehend dem folgenden Suppengang zu widmen. Rote Beete wird es werden. War der Salat durchaus komplex, ist die Suppe vom Handlingsaufwand eher überschaubar. Suppe via Messbecher in die Teller. Ein paar Croutons. Ein bisschen Petersilie. Und ein Hauch Raz el Hanout. Ich bin im letzten Arbeitsschritt für die Dosierung des wunderbaren marokkanischen Gewürzes zuständig. Die Suppe kann raus.

Dann heißt es auch für mich, die weiße Schürze umbinden und eine schicke Kochmütze aufziehen. Ich gehe mit zum Hauptgangbüffet. Neben Schweinbäckchen und Rinderfilet als Fleischgänge braten wir Lachs à la minute. Ich bin für einen Teil der Beilagen zuständig. Insgesamt haben wir Fenchel-Kartoffel-Gemüse, Rosenkohl, Kartoffel-Kürbis-Stampf, buntes Ofengemüse und Rosmarinkartoffeln im Angebot. Mein Gemüse und die Rosmarinkartoffeln laufen wie geschnitten Brot. Ich bin in diesem Moment sehr glücklich, weil ich in viele glückliche Gesichter schaue und die jeweils nur wenigen Sekunden mit dem Gast sehr vertraut erscheinen. Essen verbindet.

Als sich der Ansturm auf die Hauptgänge langsam legt, geht es für mich wieder zurück in die Küche. Der süße Abschluss des Menüs muss arrangiert werden. Warmes Schokoladenküchlein mit Honigschmand und Kiwi, Kürbiskrokantparfait mit Blaubeersauce und Pysalis und Mascarponecreme mit Pfirsichsauce, Erdbeeren und Minze. Aller guten Dinge sind drei.

Während sich im Festsaal die Stimmung bei Musik und Tanz kontinuierlich zu steigern scheint und die ganze Gesellschaft ziemlich atemlos ist, muss in der Küche das À la Carte-Geschäft für den Abend vorbereitet werden. Da ich nach der Frühschicht auch gleich noch die Spätschicht (freiwillig!) mitmache, gönnen sich der Chefkoch und ich ein kleines Kaffee- und Plauschpäuschen.

Mit Koffein versorgt und mit einem Messer bewaffnet stehe ich eine halbe Stunde später wieder in der Küche und bereite Kräuter vor. Basilikum, Estragon, Minze, Kerbel und Salbei müssen später griffbereit sein. Sind es auch. Meine Schnitzelstation steht, das dünn geklopfte Schwein kann kommen. Bevor der erste Bon kommt, heißt es für uns, noch schnell etwas essen. Gans, Rotkohl und Kartoffelpüree. Jetzt kann kommen, was will. Wir sind gestärkt.

Zwei Stunden geht es rund. Die Karte wird rauf und runter bestellt. Ein Tisch nach dem anderen arbeiten wir alle Wünsche ab. Mal ist es dabei sehr entspannt, mal auch deutlich hektisch. Aber alles ist pünktlich über den Pass gegangen. Klagen gibt es keine.

Um 22 Uhr schickt mich der Chefkoch nach Hause. Putzen muss die Spätschicht. Ich war heute full-time.

Gute Nacht Schokoküchlein. Gute Nacht Kürbiskrokantparfait. Gute Nacht Mascarponecreme. So viele Kalorien sind das gar nicht.

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