(5) Pfifferlinge Kopie

Mein Praktikum in einer Profiküche – Tag 5

Morgenstund hat Gold im Mund.

Zeitumstellung. Eine Stunde länger schlafen. Wunderbar. Als ich um kurz vor 9 Uhr durch den Personaleingang die Küche betrete, herrscht andächtige Stille. Ob das am Sonntag und der recht nahe gelegenen Kirche liegt?

Komisch – irgendetwas ist hier falsch. Um viertel nach neun kommt der Chefkoch verschlafen um die Ecke, guckt mich verdutzt an, nimmt sich einen Kaffee und ruft mir zu, ich solle mir doch auch einen Kaffee holen und dann könnte ich ja schon mal Pfifferlinge putzen. Und dann verschwindet er wieder. Hätte ich gestern genauer hingehört, hätte ich zwei Stunden länger schlafen können. Startschuss am Sonntag ist um 10 Uhr. Nächsten Sonntag bin ich schlauer.

Ich bin mir noch nicht sicher, ob es sich lohnt, meinen Übereifer tiefenpsychologisch zu ergründen, beim Pfifferlingeputzen verdränge ich den Gedanken jedenfalls. Ich stelle fest, dass trotz Übung ein Korb Pfifferlinge immer noch ein Kilo bedeutet. Und ein Kilo nach wie vor eine Stunde in Anspruch nimmt. Noch. Ich bin gespannt, ob ich im Laufe der nächsten Tage eine Leistungssteigerung beobachten kann. Der Gedanke, dass ich im Frühjahr meine nunmehr täglichen Meditationsübungen mit Spargelschälen ausgestaltet hätte, tröstet mich ein bisschen. Beim Spargelschälen lauert nämlich eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Spargel können brechen. Pfifferlinge nicht. Und wenn doch, das ist das zumindest nicht tragisch.

Um 10 Uhr ist die Mannschaft dann komplett. Routiniert wird vorbereitet, gemacht, und getan. Jeder weiß, was er zu tun hat. Und um kurz nach 12 Uhr geht’s los. Sonntagmittag sind die Menschen uhrzeitkonservativ. Keine Experimente. Alles hat seine Ordnung.

Zwei Stunden Vollgas. Vollbesetztes Restaurant inklusive einer Sechsergruppe, die ein gänzlich anderes Menü serviert bekommt als die Gänge, die auf der Karte stehen. War aber annonciert. Die diversen Lebensmittelintoleranzen und Unverträglichkeiten leider nicht.

14:30 Uhr ist der Sonntagmittagsspuk vorbei. Pause bis 17 Uhr. Ein ganz neues Gefühl.

Die Spätschicht beginnt mit Spinatputzen. Pfifferlinge sind gottlob – heute – keine mehr da. Für die nächste Woche bin ich mir da nicht so sicher. Scheinbar habe ich mir in den Augen des Chefkochs in Windeseile eine Kernkompetenz erarbeitet.

Der Besonderheit eines Sonntagabends bewahrheitete sich dann auch in dieser Woche. Die Gäste kommen früh und der Tatort scheint einen Großteil auch recht schnell wieder aufs heimische Sofa zu ziehen. Im Ergebnis bedeutet das allerdings volle Kraft voraus in einem Zeitfenster von cirka eineinhalb Stunden.

Jede Hand wird gebraucht, der Gedanke, mal eben kurz auf Toilette zu gehen, wird schon innerhalb eines Wimpernschlags wieder verworfen.

Ich darf Saucen montieren, Teller anrichten und ausdekorieren. Und Schnitzel braten, nicht nur panieren. Wohl klassisch hochgearbeitet. In der ganzen Hektik vergisst man dann auch mal schnell, dass Bleche, die aus dem Ofen kommen, durchaus eine gewisse Temperatur haben. Zwei Fingerkuppen verbrannt. Aber ein Küchenpraktikant kennt keinen Schmerz, kennt er das Gefühl doch schon von den Süßkartoffeln.

Gegen acht ist die Party vorbei. Die letzten Desserts werden nebenbei arrangiert. Jetzt heißt es aufräumen, wischen, Reste verpacken und für Ordnung sorgen.

Morgen ist Wochenende, zumindest für die Küche. Und leider auch nur ein einziger Tag. Ob ich morgen ein Paket Pfifferlinge kaufe? Nur so, um nicht aus der Übung zu kommen?

Ich freue mich auf meinen freien Tag. Aber irgendwie auch jetzt schon wieder auf die Küche – mit oder ohne Pfifferlinge.

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