Rock n Roll.
Außerplanmäßig gibt es an diesem Samstag ein Mittagsgeschäft. Kein À la Carte-Service, aber dreißig Gäste wollen im Rahmen einer Goldenen Hochzeit in vier Gängen kulinarisch verwöhnt werden. Um 9 Uhr steht die Küchencrew parat.
Vorab wurden allerlei Allergien und Unverträglichkeiten angemeldet. Wenn man das weiß, ist es kein Problem. Kommt es allerdings spontan, wird es eng. Nach dem asiatischen Schweinebauch mit Feldsalatbouquet und Garnele sind dreißig Zitronengrassuppen angerichtet und stehen am Pass. Und dann kommt sie, die Laktoseunverträglichkeit. Schade, dass wir Sahne zum Binden verwendet haben. Sehr schade. Nicht für den Geschmack, nein, für den Moment. Kurzes Nachdenken, um dann den alten durchgesiebten Suppenansatz aus Zitronengras, Ingwer und weiteren Asiakomponeneten mit Brühe noch einmal schnell aufzukochen. Abschmecken. Fertig. Mit den letzten Laktosesuppen geht auch die „limited edition“ raus. Not macht erfinderisch. Und schnell.
Unkompliziert dann der Hauptgang mit Entenbrust, Wokgemüse und Süßkartoffelpüree. Dass letzteres in der Vorbereitung durch meine Hände gegangen ist, schmeckt man sicherlich nicht. Und dass ich meine Fingerkuppen beim Pellen der im Ofen gegarten Kartoffelhälften an die Temperatur-Belastungsgrenze gebracht habe, interessiert leider auch niemanden. Ich persönlich freue mich trotzdem über die orangefarbenen Streifen auf dem Teller und deren Entstehungsgeschichte.
Und dann war dann noch das Dessert. Ein exotischer Fruchtsalat mit Limettensorbet. Für den Fruchtcocktail war ich zuständig. Mangofächer. Papayawürfel, Babyananasschiffchen Tamarillo- und Kiwischeiben. Und damit verbunden die Herausforderung, möglichst gleichmäßige Mangofächer zu schneiden. Ein Vorhaben, das schon in der Theorie zum Scheitern verurteilt ist, ist doch das Mittelstück einer Mango ungefähr doppelt so groß wie die Enden. Da hilft nur, auf die Gauß’sche Normalverteilung zu setzen und zu hoffen, dass der Service Mangoliebhaber von Mangohassern zu unterscheiden weiß und die Teller entsprechend platziert.
Nach der Goldenen Hochzeit gibt’s dann auch für die Küchenbrigade den Hauptgang. Übriggebliebene Enten machen es möglich. Lecker. Und zu meinem Süßkartoffelpüree habe ich jetzt eine noch engere Bindung.
Im Anschluss heißt es für mich wieder meditieren. Der nächste Korb voller Pfifferlinge wartet darauf, von mir das sandige Beinkleid ausgezogen zu bekommen.
Um 17 Uhr dann eine Überraschungshochzeit. Das Brautpaar hatte eine kleine Gruppe von Familie und Freunden zu einem Geburtstagsessen eingeladen – eigentlich. Dass sich der Geburtstag dann als Hochzeit entpuppt, war für alle mehr als eine große Überraschung. Ob der Wintergarten noch häufiger als Trauzimmer zum Einsatz kommt, wird die Zeit zeigen. Das Brautpaar, die Geburtstagsgesellschaft, die zur Hochzeitsgesellschaft wurde, der Bürgermeister und die angereiste Sopranistin werden diesen Moment wohl nie vergessen.
Sich trauen macht auch hungrig. Und so schicken wir nach dem einen oder anderen Glas Champagner vier schöne Gänge zum frisch vermählten Paar und ihren Freunden.
Das vollbesetzte Restaurant wird dann auch noch bedient. Routiniert und mit viel Konzentration schicken wir einen Tisch nach dem anderen. Zwischendurch wird es dann auch schon mal hektisch. Den Überblick verlieren wir aber nie. Am Ende gibt es keine Enten mehr, die Pfifferlinge sind aus und bei den letzten drei Tellern machen wir aus zwei Portionen Rosenkohl drei. Rosenkohl ist damit auch aus. So soll es sein.
Ein guter Tag geht zu Ende. Kurz nach 22 Uhr und nach dreizehn Stunden in der Küche fahre ich zufrieden nach Hause.
Morgen ist Sonntag. Da gibt es Suppe vorneweg.