Die zwei Gesichter der gelben Paprika.
Pünktlich um halb sechs betrete ich die Kleinmarkthalle durch einen Nebeneingang. Ich bin einer der ersten, der um diese Uhrzeit schon zugegen ist. Die große Masse der Standbetreiber lässt noch ein bisschen auf sich warten. Auf meine Kollegen vom Obst und Gemüse ist aber Verlass. Guten Morgen. Dann starten wir mal.
Ein Teil des Sortiments wird abends nach Feierabend auf Container verladen und ein Stockwerk tiefer in kleinen Kühlhäusern eingelagert. Und wo es abwärts geht, geht es auch wieder aufwärts. Jetzt. Container für Container rollt wieder zum Stand. Wir laden die Kisten aus und die Verkaufsflächen ein. Alles hat seinen Platz. Nichts wird dem Zufall überlassen. Jeder Quadratzentimeter hat seine Bestimmung. Oberste Priorität hat die Qualität der Ware. Hat eine Tomate eine Drucksstelle, wird sie zur B-Ware und darf leider nicht mehr in der ersten Reihe sitzen. So verfahren wir mit dem kompletten Angebot.
Dann trifft der Chef mit der neuen Ware aus der Großmarkthalle ein. Ein Teil kommt direkt zu uns auf den Stand, ein Teil wird gut gekühlt im Keller zwischengelagert und ein weiterer Teil ist für Bestellungen reserviert. Die werden parallel zum ausräumen, umräumen und wegräumen disponiert und für die Auslieferung präpariert. Ich bin mittendrin und fühle mich zwischen all den Kisten mit Regionalem und Exotischem sichtlich wohl.
Relativ schnell verstehe ich, was es beideutet, Gemüse ein Gesicht zu geben. Obst übrigens auch. Die Ware muss den Kunden anlächeln, will gemocht und auch begehrt werden. Und selbstverständlich soll sie auch gekauft werden. Ich drehe Gurken, schichte Peperoni, richte Karotten, baue Brokkoli auf und ordne Paprika. Die Ware lächelt. Der Stand strahlt.
Dann helfe ich im Verkauf. Zwei Zitronen hier, ein Kilo Clementinen da. Die süßen, nicht die säuerlichen. Zwei Bananen, vier Mangos, ein Bund Karotten. Ohne Grün. Zwischendurch hole ich immer wieder Ware aus dem kellergeschossigen Lager. Fülle auf und lege nach. Immer mit einem Lächeln. Am frühen Nachmittag ist für mich Feierabend.
Schon jetzt freue ich mich morgen. Auf die glücklichen Gesichter vor der Auslage. Hinter der Auslage. Und in der Auslage.